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Lungentransplantation

 

Ein Atemweg, eine Krankheit

 

Asthma und Heuschnupfen stellen zwei Erscheinungsformen ein und desselben Krankheitsbildes dar. Basierend auf dieser Erkenntnis sollten obere und untere Atemwege nicht getrennt betrachtet, sondern gemeinsam untersucht und, sofern beide betroffen, auch gemeinsam behandelt werden.  

Die Medizin hat in den letzten Jahren viel dazugelernt und erkannt, dass die Atemwege von der Nasenspitze bis zu den feinsten Bronchien eine anatomische und immunologische Einheit bilden. Bei Asthma und allergischer Rhinitis laufen in der Schleimhaut ganz ähnliche, Entzündungsprozesse ab. Das hat zur Folge, dass Menschen, bei denen die asthmatischen Symptome im Vordergrund stehen, bei eingehender Befragung oft berichten, dass sie auch unter Beschwerden leiden, die typisch sind für eine allergische Rhinitis. Umgekehrt machen viele Heuschnupfen-Patienten die Erfahrung, dass sie schlecht Luft bekommen oder Husten auftritt, wenn die Pollen fliegen, ohne dass jemand daran denkt, dass dies ein beginnendes Asthma sein könnte.

Heuschnupfen ist keine Bagatelle!

Die allergische Rhinitis wird gerne als Bagatellerkrankung abgetan, aber das ist sie nicht. Zwar sind die Symptome nicht bedrohlich, sondern vor allem lästig. Aber sie beeinflussen die Lebensqualität und Leistungsfähigkeit der Betroffenen erheblich. Untersuchungen belegen, dass Heuschnupfen-Patienten während der Pollensaison in Schule und Beruf nicht die gewohnten Leistungen bringen können und sich durch die Symptome auch in ihrer Freizeit beeinträchtigt fühlen.

Wer an Heuschnupfen erkrankt ist, hat außerdem ein vielfach höheres Risiko als die übrige Bevölkerung, später ein Asthma zu entwickeln. Schätzungen besagen, dass jeder dritte Patient mit allergischer Rhinitis auch an Asthma leidet, etwa siebenmal mehr als in der übrigen Bevölkerung. Umgekehrt leiden acht von zehn Asthmatikern auch an einer allergischen Rhinitis. Die praktische Bedeutung dieser Erkenntnisse liegt darin, dass Asthma und allergische Rhinitis einander verstärken: Ein Asthmatiker, der gleichzeitig an Heuschnupfen leidet, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit stärkere Asthmasymptome entwickeln und mehr Asthma-Medikamente brauchen als ein Patient ohne allergische Rhinitis. Akute Asthmaanfälle kommen bei Patienten, die zugleich Heuschnupfen haben, dreimal so häufig vor.

Zwei Seiten einer Medaille

Die Weltgesundheitsorganisation hat schon vor einigen Jahren eine Arbeitsgruppe namens ARIA (Allergic Rhinitis and Its Impact on Asthma) eingesetzt, die sich der Gemeinsamkeiten von Asthma und allergische Rhinitis annehmen und Leitlinien entwickeln sollte, wie damit umzugehen sei. ARIA empfiehlt dringend, bei jedem Asthmatiker nach Zeichen einer allergischen Rhinitis zu suchen und umgekehrt. Das Zusammentreffen beider Leiden wird häufig übersehen. Leidet ein Patient an Asthma, stehen dessen Symptome oft im Vordergrund, so dass Arzt und Patient gar nicht recht wahrnehmen, dass er auch Beschwerden mit der Nase hat. Patienten mit allergischer Rhinitis dagegen behandeln sich meistens selbst mit rezeptfreien Arzneimitteln, die sie in der Apotheke erwerben, ohne vorher einen Arzt aufzusuchen. Luftnot und Husten als Zeichen eines sich entwickelnden Asthmas, nimmt der Patient oft erst wahr, wenn die Symptome ihn schon stark beeinträchtigen.

Die vier Säulen der Behandlung

Für die weitere Lebensperspektive von Asthmatikern und Patienten mit allergischer Rhinitis ist es jedoch wichtig, dass die Erkrankung früh erkannt und konsequent behandelt wird. Damit lassen sich nicht nur Nachteile in schulischer und beruflicher Laufbahn abwenden, sondern auch eine Verschlimmerung der Krankheit vermeiden. Wichtig ist außerdem, dass Nase und Lunge gemeinsam behandelt werden, wenn beide betroffen sind. Denn Asthma lässt sich bei einem Patienten mit allergischer Rhinitis leichter in den Griff bekommen, wenn auch der Heuschnupfen wirksam bekämpft wird. Die moderne Medizin setzt dabei auf ganzheitliche Behandlungskonzepte, die nicht allein eine Linderung der Symptome zum Ziel haben, sondern auch die zugrunde liegende Entzündung eindämmen. Die Strategie ruht auf vier Säulen:

 

  • der Patientenschulung: Dabei lernt der Patient, woher seine Krankheit kommt, welche krankhaften Prozesse dabei ablaufen und was er selbst tun kann, um sie zu managen. Die Schulung ist eminent wichtig, gerade für Asthmatiker. Es ist erwiesen, dass gut geschulte Patienten besser mit ihrem Asthma umgehen können und weniger unter Symptomen zu leiden haben.
  • der Vermeidung der auslösenden Reize. Konkret können das Allergene sein, aber auch unspezifische Reize (Staub, Zigarettenrauch, Kälte, intensive Gerüche) sein. Das bedeutet zum Beispiel, dass ein Tierhaar-Allergiker Hunden und Katzen aus dem Weg gehen sollte, dass ein Hühnerei-Allergiker auf entsprechende Speisen verzichten sollte, dass ein Patient mit Hausstaubmilbenallergie sein Bettzeug in milbendichte Überzüge packt und möglichst auch Plätze vermeidet, an denen geraucht wird. In der Praxis erweist sich die so genannte Reizvermeidung allerdings oft als schwierig. Den Kontakt etwa mit Pollen zu vermeiden, ist in der Blütezeit nahezu unmöglich.
  • bei einer Allergie als Ursache der Beschwerden, kann möglicherweise auch eine spezifische Immuntherapie (Hyposensibilisierung) sinnvoll sein. Dabei wird das Immunsystem langsam an immer größere Mengen des Allergie-Auslösers gewöhnt, bis es bei Kontakt damit nicht mehr überstark reagiert. Die spezifische Immuntherapie kann das Risiko senken, dass sich aus einer allergischen Rhinitis ein Asthma entwickelt. Ob im Einzelfall eine spezifische Immuntherapie möglich und sinnvoll ist, sollten Arzt und Patient gemeinsam entscheiden.
  • der Behandlung mit antiallergischen und/oder antiasthmatischen Medikamenten. Dabei muss darauf geachtet werden, dass die Therapie das individuelle Beschwerdebild des Patienten abdeckt und alle betroffenen Organe mitbehandelt werden. Eine Selbstbehandlung mit rezeptfreien Medikamenten kann das in der Regel nicht gewährleisten, ganz besonders dann nicht, wenn Asthma und allergische Rhinitis zusammen auftreten.

 

Zur Behandlung der allergischen Rhinitis können Wirkstoffe verwendet werden, die die Wirkung des Botenstoffs Histamin unterdrücken und deshalb Antihistaminika genannt werden. Es gibt sie in Tablettenform oder als Nasenspray. Außerdem werden kortisonhaltige Nasensprays zur Behandlung eingesetzt, die stärker entzündungshemmend wirken als die Antihistaminika.

Entzündungshemmung als wichtigstes Ziel

Beim Asthma stellt Kortison das stärkste entzündungshemmende Medikament dar. Es wird als Spray oder als Puder inhaliert und gelangt so direkt in die Bronchien, in denen es wirken soll. Nur in Ausnahmefällen, bei sehr schweren Asthmaerkrankungen, wird es auch in Tablettenform verabreicht – dann allerdings so kurz wie möglich, um Nebenwirkungen zu vermeiden.

Bei Asthma häufig eingesetzt werden außerdem die sogenannten Beta2-Agonisten, die ebenfalls inhaliert werden und die Bronchien erweitern, aber keinen Effekt auf die dem Asthma zugrunde liegende Entzündung ausüben. Es gibt sie als kurzwirksame Substanzen für die akute Atemnot und als langwirksame Medikamente für die Dauerbehandlung. Langwirksame Beta2-Agonisten dürfen nie alleine verwendet, sondern müssen immer mit einem Kortisonpräparat kombiniert werden. Weder Kortisonsprays noch Beta2-Agonisten wirken an der Nase, sie haben also keine Wirkung auf die allergische Rhinitis.

Eine dritte Gruppe stellen die so genannten Leukotrien-Rezeptorantagonisten dar, die die Wirkung bestimmter Botenstoffe, der sog. Cysteinyl-Leukotriene, an den Bronchien unterdrücken. Weil diese Medikamente als Tabletten eingenommen werden, erreichen sie Lunge und Nase und wirken daher gegen die Entzündung beim Asthma und bei der allergischen Rhinitis. Außerdem erweitern sie die Bronchien. ARIA empfiehlt diese Medikamente vor allem bei Menschen, die zusätzlich zum Asthma noch eine allergische Rhinitis haben.

Autor:

Professor Dr. med. Winfried J. Randerath

Krankenhaus Bethanien, Solingen

Klinik für Pneumologie und Allergologie

Zentrum für Schlaf-und Beatmungsmedizin

 

 


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